Beziehung fürs Leben: Mein Kleiderschrank und Ich

Wenn ich meinen Kleiderschrank anschaue, denke ich vor allem an eins: Freiheit. Nicht gerade das, was sich die meisten Menschen unter einer lebenslangen Beziehung vorstellen. Und trotzdem: Uns beide verbindet eine ganz besondere Beziehung.

Mit 19 war es soweit – endlich weg von Zuhause, Neubeginn, Abenteuerlust. In Berlin fühlte ich mich angekommen. Der erste Neue in meiner neuen Wohnung sollte etwas ganz besonderes sein. An einem Sonntag im Spätsommer schlenderte ich glücklich über einen kleinen Antikmarkt und fand ihn: Berliner Jugendstil, schlichte Holzornamente und vor allem: viel Platz. Er hatte nur einen kleinen Fehler, die Glastür fehlte. Ich fand, dass ihn nichts entstellen konnte und stellte mir vor, einen smaragdgrünen Samtvorhang für ihn zu nähen. Es war Liebe auf den ersten Blick und ich nahm ihn direkt mit zu mir.

Mit meiner neugewonnenen Freiheit kamen neue Kleidungsstücke. Ich wollte mich komplett ausleben und das sollte jeder sehen. Meine Inszenierung begann mit den ersten Parties. Nach und nach fütterte ich meinen Schrank mit flauschigen Hasenkostümen, mysteriösen Masken und selbstgebastelten Blätterkleidern. Ich begann, Outfits mit Freundinnen zu tauschen und freute mich über jeden Schatz aus meiner neuen Welt. Ich konnte sein, wer ich wollte. Ich konnte tanzen, wann, wo und mit wem ich wollte. Neue Kleider bedeuteten für mich ein neues Image fernab meiner Heimatstadt, vollkommene Unabhängigkeit und manchmal auch ein bisschen Maskerade. Bei Männerbekanntschaften gab ich mir besonders viel Mühe, jede einzelne Facette meiner neuen, freien Persönlichkeit zu zeigen. Mal war ich die verspielte Katze, mal die Kühle in Schwarz, mal die Verruchte in Leder und manchmal auch nur Ich im gepunkteten Pyjama. Irgendwann wurden die bunten Partyoutfits weniger und ich fand langsam heraus, dass Klamotten vielleicht doch nicht das Allerwichtigste sind.

Außergewöhnliche Kleidung war schon in meiner Kindheit ein wichtiges Thema. Meine Oma besaß einen eigenen Second-Hand-Shop und brachte mir schon früh ihr ausgeklügeltes System für die optimale Kleiderpflege bei. Richtiges Waschen, Trocknen ohne Falten, perfektioniertes Bügeln und natürlich das ordentliche Zusammenlegen inklusive der vollendeten Schrank-Einsortierungsmethode – das war unser Ritual. Noch heute kann ich ohne Probleme einen ganzen Tag damit verbringen. Meinem Kleiderschrank widme ich eindeutig mehr Zeit, als vielen Dingen, die vielleicht wichtiger wären.

Sechs Jahre später habe ich es immer noch nicht geschafft, den Samtvorhang anzubringen. Die Tür fehlt immer noch, und trotzdem ist er mein Lieblingsstück geblieben.

Egal wie oft ich meine Meinung ändere und egal wie oft ich auf dem Antikmarkt mit anderen Schönlingen liebäugle, meinen Kleiderschrank kann nichts ersetzen.

Text: Lydia Lovestreet | Bild: Cornelia Menichelli / pixelio.de
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2 Gedanken zu “Beziehung fürs Leben: Mein Kleiderschrank und Ich

  1. […] In Null Komma Nichts ist aus einem alten, ollen und langweiligen T-Shirt ein individuelles Oberteil geschneidert. Man muss noch nicht mal besonders gut nähen, dafür schneiden können. Mit der Nähmaschine hat man in einer knappen halben Stunde ein neues Teil im Kleiderschrank. […]

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